Abb.1 höhenverstellbare und von allen Seiten zugängliche Liege sowie „Turm“ und „Sono“

Voraussetzungen zur körperlichen Untersuchung sind für den Untersucher (approbierter Arzt bzw. Hospitant oder Student unter Anleitung) eine zugelassene Räumlichkeit mit einer möglichst höhenverstellbaren Liege (Abb. 1) sowie Hilfsmitteln wie Handschuhe, Stirnlampe, Spatel, Blutdruckmessgerät, Sauerstoffmessung, Infusionsbesteck und Notfallmedikamente. Nach der Erhebung der Anamnese erfolgt eine kurze mündliche Aufklärung über die Absicht der Untersuchung (die Bitte zur Entkleidung des zu untersuchenden Patienten je nach Untersuchungsabsicht).

Inspektion

Die Inspektion erfasst schon die Bewegungen des Alltags wie Gehen, Händedruck, Aus- und Ankleiden sowie Transfer (Wechseln vom Liegen, zum Sitzen, zum Stehen, zum Gehen, zum Bücken etc.). Sprache, Mimik und Gestik ergänzen den Habitus sowie die Haltung einschl. eines Rückenprofils, des Schulter- und Beckenstandes. Bei der Betrachtung der Konturen und Oberflächen (Schwellung, Atrophie, Form- und Achsenabweichungen) wird der Befund der Haut (Verfärbung bzw. Pigmentierung, Blutergüsse, Wunden, Narben, Schwielen, Trophik) erhoben. Sollte der Patient lokoregionale Symptome wie Schmerzen, neurolgische Symptome bzw. Juckreiz o.ä. angeben, wird er aufgefordert, dies mit einer Hand zu lokalisieren. Somit kann die segmentale Zuordnung zum Dermatom (z.B. nach Hansen und Schliack) dokumentiert werden. [1] Die zusätzliche Inspektion von Iris, Lidern und Lippen nach Ferronato [2], Linien nach Lähr und Sölder [3], der Zunge, Handflächen und Fußsohlen (siehe Literatur der TCM), des Lymphbelts nach Gleditsch [4], der Konstitutionsphänome nach Aschner [5], Mayr [6] usw. ermöglicht dem naturheilkundlichen Therapeuten einen Hinweis auf Störungen (früh)funktioneller Art der primär nicht sichtbaren Organsysteme und grundregulativen Vorgängen der extrazellulären Matrix.

Die Ermittlung der funktionellen Beinlänge und Beckenverwringung bei Rumpfvorneige im Liegen nach Derbolowski [6,7], mit offenem oder festen Biss bzw. maximaler Interkuspidation (mod. Test oder Zeichen nach Meerssemann [8]) kann mit dem Vorlaufphänomen im Stehen verglichen werden und lässt eine Störung im Verdauungssystem, wozu Zähne, Kiefergelenk, Kaumuskulatur und Vagussystem gehören, vermuten. Der Spine off weist auf iliosacrale und damit pelvine Störung bzw. eine gestörte absteigende Muskel(funktions)kette nach Wander mit Störung der Kiefer-, Kopfgelenke, Wirbelgelenke (v.a. C4, Th4 und 10) sowie ISG bzw. SIG hin [9]. Befunde wie „Leg turn in bzw. out“ (oder auch „Arm“) sind ebenfalls Folgen gestörter muskulärer Zusammenhänge und weisen über den Bezug zum Meridiansystem der Akupunktur auf Störungen der Organ(system)e hin [10].

Palpation

Nach der Erhebung der Anamnese ist die Palpation der wichtigste Schrift zur Erlangung einer Diagnose. Nach der Hautpalpation mit dem Bindegewebsstrich [11,12] folgt die schichtweise Palpation der subkutanen und faszio-muskulären Systeme einschließlich Sehnen(scheiden), Kapseln sowie Periost. Die osteopathische Diagnostik schließt die zusätzliche Palpation der Schädelknochen und -nähte (v.a. sphenooccipital, occipitotemporal, temporoparietal, parietofrontal, frontomaxillär usw.) unter Atemprovokationen, der Atlasstellung [13], des stomatognathes Systems einschl. temporo-mandibuläres bzw. Kiefergelenk bei lockerem bzw. festem Biss sowie in verschiedenennen Stellungen des Unterkiefers zum Oberkiefer, der Wirbelsäulen-, Rippen-, Schultergürtel- und Beckengelenke nach chirotherapeutischen Kriterien (occipitoatlantal, atlantoaxial, C2-S1, vertebrocostal, sternocostal, sternoclaviculär, acromioclaviculär, iliosacral, sacrococcygeal und Symphyse) und letztendlich die viscerale Palpation ein [14,15].

Die Nackenreflex- bzw. Druckpunkte nach Adler [16] und Langer [17] sind (pseudo)segmental bei Störungen im entsprechenden Bereich des Trigeminussystems in bis zu 80% der Fälle dolent bzw. verquollen. Auch die Druckpunkte nach Weihe [18], welche die Diagnostik der muskulären Triggerpunkte sowie Homöopathie ergänzen, sind wie die Hautfalten nach Kibler, dem Nabeldruckschmerz bzw. Schmerz über der Bauhin‘sche Klappe (im engl. ileocoecal valve bzw. ICV) Hinweise für metabolische und vegetative Störungen.

Provokationen, Tests und Messungen

In der alltäglichen Praxis reicht die Dokumentation des Kapselmusters eines Gelenkes nach Cyriax aus. Das Bewegen, Halten, Hebeln von Abschnitten des neuromuskulären Systems zur semi-qualitativen Einschätzung einer Situation ist schon funktionell aussagefähiger und je nach Anamnese und als Therapiekontrolle zu prüfen bzw. zu kontrollieren [6,19,20].

Der Muskeltest [21,22] bzw. kinesiologische Muskeltest nach Goodheart [10] ist einzeln bzw. als Summentest vor und nach einer Behandlung als diagnostisches Kriterium zu verstehen. Andere Summentests (z.B. Armlängentest bzw. –zeichen nach van Assche [23]) sind weniger zeitaufwendig. Alle Muskeltests sind standardisiert anzuwenden und diene somit als Verlaufskontrolle einer unmittelbaren physikalischen (z.B. Chirotherapie, Manualtherapie mit Dehnung und postisometrischer Relaxation, Strain-Counter-Strain-Technik sowie Faszientechniken), reflektorischen (z.B. Akupunktur, Akupressur u.ä.) sowie chemischen Reflextechniken (z.B. örtliche Betäubung und Neuraltherapie).

Das Messen des Blutdrucks nach Riva-Rocci kann durch den Test nach Ragland im Liegen und Stehen mit der Ermittlung der Differenz innerhalb von wenigen Minuten ergänzt werden. Er weist wie die Messung der axillären Körpertemperatur nach Barnes (morgens, nüchtern, im Liegen bzw. vorm dem Aufstehen) auf endokrine Störungen (z.B. adrenal fatigue bzw. Dysfunktion der Schilddrüse) hin [24].

Schweißtests zur semiqualitativen und –quantitativen Diagnostik des vegetativen Nervensystems (z.B. Ninhydrin-Test nach Moberg zum Nachweis von stickstoffhaltigem Schweiß durch Bildung eines Farbstoffes) sind auch wenig verbreitet und zeitaufwendig.

Dagegen scheint die Analyse der Vegetativums mittels der Messung der Herz-Raten-Variabilität (HRV) besser handhabbar, nachvollziehbar und dokumentiertbar zu sein. Sie ergänzt nicht nur leitlinietreu, sondern „verbindet“ unterschiedliche Regulationstests wie Pupillomotorik, Dunkelfeld, Thermoregulation, Biophotonen und Aurafotographie mit therapeutischen Naturheilverfahren [25].

Literatur

  1. Hansen K. Schliack H (1962) Segmentale Innervation. Thieme
  2. Ferronato N (2014) Praxis der Pathophysiognomik: Lehrbuch und Bildatlas der Krankheitszeichen im Gesicht. 3. Aufl., Haug
  3. Iro H, Waldfahrer F (2005) Gestörte Sensibilität Trigeminus. Laryngo-Rhino-Otol 84: 179-193
  4. Gleditsch JM (1983) Therapie entzündlicher Hals-, Nasen-, Ohren-, Mund- und Kieferkrankheiten durch punktuelle Lymphtherapie. HNO Praxis Heute. 3. Aufl. Springer: 169-75
  5. Aschner B (1986) Lehrbuch der Konstitutionstherapie. Hippokrates
  6. Schöttl W (2012) Die craniomandibuläre Regulation. Mediplus
  7. Buckup K (2000) Klinische Tests an Knochen, Gelenken und Muskeln. 2. durchgesehene u. erw. Aufl. Thieme
  8. Schupp W (2000) Schmerz und Kieferorthopädie Eine interdisziplinäre Betrachtung kybernetischer Zusammenhänge. Man. Med. 38/6: 322-8
  9. Becke H, Wagner R, Wander R (2000) Taschenatlas naturkundliche Untersuchungstechniken. Hippokrates
  10. Garten H (2012) Lehrbuch Applied Kinesiology. Elsevier, Urban&Fischer
  11. Teirich-Leube H (1957) Grundriss der Bindegewebsmassage. Fischer, Stuttgart
  12. Dicke E, Schliack H, Wolf A (1982) Bindegewebsmassage. 11. Aufl. Hippokrates
  13. Pohlmann E (2013) Atlastherapie und Behandlung der Körperfehlstatik. Spitta
  14. Lewit K (1987) Manuelle Medizin. 5. Aufl. Barth
  15. Bischoff HP, Moll H (2011) Lehrbuch der Manuellen Medizin. 6. Aufl. Spitta
  16. Adler, E (1973) Erkrankungen durch Störfelder im Trigeminusbereich. Fischer
  17. Langer H (1994) Sonderdruck aus ZÄN 10/35: 712-716
  18. Seiler H (2002) Die Weiheschen Druckpunkte. Haug
  19. Sachse J (1993) Manuelle Untersuchung und Mobilisationsbehandlung der Extremitätengelenke. 5. Aufl. Ullstein Mosby
  20. Sachse J, Schildt-Rudloff K (1997) Wirbelsäule – Manuelle Untersuchung un Mobilisationsbehandlung. 3. Aufl. Ullstein Mosby
  21. Janda V (1994) Manuelle Muskelfunktionsdiagnostik. 3. Aufl. Ullstein Mosby
  22. Peterson Kendall F, Kendall McCreary E, Geise Provance P (1998) Muskeln – Funktionen und Tests. 3. Aufl. Fischer
  23. van Assche R (2001) Autonome Osteopathische Repositionstechnik – Behandlung über Triggerpunkte und Positionierung. EHK 50(3): 128-132
  24. Gerz W (2001) Lehrbuch der Applied Kinesiology. AKSE
  25. Günter U (2015) Die gemeinsamen Grundlagen von Akupunktur und Neuraltherapie. Naturheilkund 5/15: 44-46