Becken- und Haltungsstörungen

  • Der Beckenschiefstand (BSS) ist eine strukturell fixierte bzw. funktionelle Abweichung der Beckenschaufeln, so dass beide Beckenkämme (christae iliacae) im Stand oder symmetrischer Körperbewegung nicht in gleicher Höhe zur Horizontalen stehen. Sollte dies der Fall sein, wird die tiefer stehende Seite als Beckentiefstand angegeben (z.B. BSS links 1 cm).
  • Man unterscheidet einen funktionellen (bei gleicher Beinlänge) von einem anatomischen BSS bei Beinlängendifferenz (BLD). Dabei liegen funktionelle (Gelenkkontrakturen) oder absolute, permanente bzw. reelle Gründe (z.B. angeboren oder fehlverheilte Frakturen) vor. Eine Beinlängendifferenz (BLD) wird mit 40-70% angegeben [1].
  • Trotz schulmedizinischer Therapie bzw. Ausgleich einer anatomischen Ursache (z.B. operativ, Gipsbehandlung, Physiotherapie und Beinlängenausgleich (BLA) bei absoluter BLD durch Einlagen, Innen- bzw. orthopädischer Schuh) ist der funktionelle BSS häufiger. [2,3,4,5,6,7, 8,9,10,11]
  • Hier spielen asymmetrische Insuffizienzen, Verkürzungen oder Kontrakturen bzw. Dysbalancen der lumbalen Muskulatur (v.a. Mm. quadratus lumborum und iliopsoas) und abdominellen Muskulatur (v.a. Mm. rectus et obliquus abdominis) eine Rolle. Einseitig haben sie einen Einfluss auf die Beckenverbindungen Symphyse und das Kreuz-Darmbein-Gelenk (ISG bzw. SIG). Man spricht dann von einer Beckenverwringung (BVW) nach Cramer mit anteriorem und/oder posteriorem Ileum (Kategorie I nach De Jarnette). Dieser horizontale Beckenfehler geht oft mit Blockierungen der ISG bzw. SIG (pos. Spine off bzw. Kategorie II nach De Jarnette) und/oder einem Vorlaufphänomen im Sitzen einher. [12,13,14] Er resultiert oft aus osteopathischen Läsionen aufgrund von Faszien-, Muskel- und/oder neurogenen Läsionen, Entzündungen bzw. Narben-Störfeldern nach Unterleibs-Operationen, stattgehabten und unbemerkten Infektionen von Muttermund (z.B. Papillomavirus, Chlamydien), Blase oder Prostata.
  • Die funktionelle BLD tritt bei Insuffizienzen bzw. Dysbalancen der glutealen bzw. pelvitrochantären Muskulatur (v.a. gluteus medius, maximus und piriformis, aber auch obturatorius externus und internus), der pelvicruralen und ischiocruralen Muskulatur (v.a. Mm. tensor fasciae latae, quadriceps mit rectus femoris und vasti sowie ischiocrurales mit biceps femoris, semimembranosus und semitendinosus) sowie der Knie- und Fußmuskeln mit folglichen Fehlhaltungen, Fehlstellungen bzw. Kontrakturen der Hüftregion (z.B. Adduktions- und Beugekontrakturen), der Knieregion (z.B. Beugekontraktur) und des Fußes (z.B. Knickplattfuß) auf. [3,4,5,6,7,8,9,10]
  • Dieser so genannte aufsteigende Fehler geht oft mit Blockierungen der Bein-Gelenke und einem Vorlaufphänomen im Stehen und nicht im Sitzen einher. Er resultiert oft auch aus osteopathischen Läsionen aufgrund von Faszien-, Muskel- und/oder Gelenk-Läsionen bzw. Narben-Störfeldern nach zahlreichen Traumata, Überlastungen, Lymph- und Durchblutungsstörungen. [12,13,14]

    Abb. 1 Neuraltherapie nach Mink, hier des R. articularis n. spinalis Segment Th4/5 re
  • Bei persistierendem Beckenfehler bzw. Vorlaufphänomen im Stehen und/oder Sitzen trotz entsprechender Therapie des aufsteigenden Fehlers sowie der o.g. Beckenläsionen kann ein so genannter absteigender Fehler, was leider in über 80% der Fälle auftritt, vorliegen. Er führt meist zu dreidimensionaler Verdrehung des Kreuzbeins (Kategorie III nach De Jarnette) als Folge einer funktionellen Skoliose mit unterschiedlichen Blockierungsmustern, osteopathischer Läsionen und Fehlhaltungen, Fehlstellungen bzw. Kontrakturen und somit zu einem pos. Zeichen nach Derbolowski im Liegen. [12,13,14] Auf seinem Weg wird dieser komplexe Fehler von zusätzlichen horizontalen Fehlern (v.a. der so genannten Schlüsselsegmente Th10, Th4, C4 und des occipito-cervicalen Übergangs mit Atlas und Axis) begleitet. [2,11]
  • Je nach Höhe der Blockierung bzw. Läsion, deren manueller Korrektur im Liegen bis hin zur Selbstmobilisation muss der Test nach Derbolowski kontrolliert werden. Bei Persistenz sollte die muskuläre Engrammierung bzw. Re-Programmierung wiederholt und bei persistierenden Blockaden oder Segment-Phänomenen (gestörtes Dermatom, Subkutom nach Kibler, Myotom nach kinesiologischen Kriterien, Fasziotom nach osteopathischen Kriterien usw.) eine Neuraltherapie nach Mink (Abb. 1) in mind. 3 benachbarten Facetten beiderseits durchgeführt und der Test nach Derbolowski kontrolliert werden. [2,11]
  • Bei persistierender Atlasfehlstellung bzw. -blockierung werden je nach Anamnese, Paraklinik und auffälligen Nackenreflex- bzw. Druckpunkten nach Adler und Langer die Neuraltherapie

    Abb. 2 Neuraltherapie des r. infraorbitalis re
  1. der Endäste des Trigeminus bzw. nn. supraorbitales (Stirnhöhle), nn. infraorbitales (Kieferhöhle und Siebbeinzellen) (Abb.2) und evtl. der des Rachendaches (Keilbeinhöhle) bzw. des Ganglion ciliare (Punkt 1 nach Adler und Langer),
    1. der Odontone des Oberkiefers einschl. retromaxillär und evtl. des Ganglion pterygo- bzw. sphenopalatinum (Punkt 2),
    2. der Odontone des Unterkiefers und evtl. des Ganglion oticum (Abb.3) (Punkt 3),
    3. des Mastoids bzw. der Akupunktur-Punkte „Tor des Ohres“ (Punkt 4)
    • und immer die Tonsillenpole beiderseits bzw. Narben durchgeführt 
    • und der Atlas kontrolliert. [2,11,12]

      Abb. 3 Neuraltherapie des Ganglion oticum re
  • Bei Persistenz der Druckpunkte ist Geduld, osteopathisches Können, Entsäuerungs- bzw. Entgiftungsstrategien und die Neuraltherapie
    1. des oberen 3E (bei persistierendem Punkt 1),
    2. des mitleren 3E (Punkt 2) bzw.
    3. des unteren 3E (Punkt 3) mit Wiederholung der Neuraltherapie
    4. der Tonsillen gefragt.
  • Bei Persistenz bzw. Rezidiv (je nach Anamnese auf mehrere Tage verteilen) wird ein modifizierter Test nach Merssemann (Test nach Derbolowski mit und ohne forcierter Okklussion) durchgeführt. Sollte dabei eine einseitige Änderung der momentanen Beinlänge auftreten, ist eine Biß-Relationsstörung mit absteigendem Fehler und funktioneller Skoliose wahrscheinlich. [2,11] Hierzu empfehle ich die Literatur von meinem geschätzten Lehrer Rainer Wander aus Coschütz/Elsterberg im sächsischen Voigtland und meinem Freund Nicolas Stamer aus Regensburg.

Literatur

  1. Gülbahace, E (2011) Vergleichsstudie zur Bestimmung von Beinlängendifferenzen mittels sonographischer und radiologischer Verfahren. Diss.
  2. Wander R (2000) in Becke H, Wagner R, Wander R (Hrsg) Taschenatlas Naturkundliche Untersuchungstechniken. Hippokrates, Stuttgart
  3. Pohlmann E (2013) Atlastherapie und Behandlung der Körperfehlstatik. Spitta
  4. Lewit K (1987) Manuelle Medizin. 5. Aufl. Barth
  5. Bischoff HP, Moll H (2011) Lehrbuch der Manuellen Medizin. 6. Aufl. Spitta
  6. Sachse J (1993) Manuelle Untersuchung und Mobilisationsbehandlung der Extremitätengelenke. 5. Aufl. Ullstein Mosby
  7. Sachse J, Schildt-Rudloff K (1997) Wirbelsäule – Manuelle Untersuchung un Mobilisationsbehandlung. 3. Aufl. Ullstein Mosby
  8. Janda V (1994) Manuelle Muskelfunktionsdiagnostik. 3. Aufl. Ullstein Mosby
  9. Peterson Kendall F, Kendall McCreary E, Geise Provance P (1998) Muskeln – Funktionen und Tests. 3. Aufl. Fischer
  10. Frisch H (2009) Programmierte Untersuchung des Bewegungsapparates Chirodiagnostik und Osteopathie 9. überarb. u. erw. Aufl. Springer
  11. Wander R (2010) Diagnostik über Muskelfunktionsketten. In Weinschenk S (Hrsg.) Handbuch Neuraltherapie. Urban & Fischer, München S. 302-7
  12. Garten H (2012) Lehrbuch Applied Kinesiology. Elsevier, Urban&Fischer
  13. van Assche R (2001) Autonome Osteopathische Repositionstechnik – Behandlung über Triggerpunkte und Positionierung. EHK 50(3): 128-132
  14. Gerz W (2001) Lehrbuch der Applied Kinesiology. AKSE

weiterführende Literatur zu Biß-Relationsstörungen

  1. Kares H (2006) Die Aufbissschienen-Therapie bei Craniomandibulären Dysfunktionen CMD, Saarbrücken
  2. Köneke C (2010) Craniomandibuläre Dysfunktion. Quintessenz, Berlin
  3. Prochno, T (1997) Tinnitus aus Sicht der Zahnmedizin. Dtsch Arztebl; 94(7): A-377-9
  4. Radlanksi RF (2015) Über die Notwendigkeit kieferorthopädischer Behandlungsmaßnahmen. umwelt-medizin-gesellschaft 28/3: 167-71
  5. Schindler HJ (2010) Diagnostik von Myarthropathien (MAP) der Kiefermuskulatur und –gelenke. In Weinschenk S (Hrsg.) Handbuch Neuraltherapie. Urban & Fischer, München S. 310-2
  6. Wander R (2010) Integrative Diagnostik des Kiefergelenkes. In Weinschenk S (Hrsg.) Handbuch Neuraltherapie, Urban & Fischer, München S. 307-10
  7. Wander R (2010) Funktionsscreening des Kiefergelenks nach Zöbisch. In Weinschenk S (Hrsg.) Handbuch Neuraltherapie. Urban & Fischer, München S. 313-7
  8. Schöttl W (2012) Die craniomandibuläre Regulation. Mediplus
  9. Schupp W (2000) Schmerz und Kieferorthopädie Eine interdisziplinäre Betrachtung kybernetischer Zusammenhänge. Man. Med. 38/6: 322-8
  10. Garten H (2012) Lehrbuch Applied Kinesiology. Elsevier, Urban&Fischer
  11. van Assche R (2001) Autonome Osteopathische Repositionstechnik – Behandlung über Triggerpunkte und Positionierung. EHK 50(3): 128-132
  12. Gerz W (2001) Lehrbuch der Applied Kinesiology. AKSE
  13. Stamer N (2018) Interdisziplinäres Biss- und Kieferrelationsmanagement.Teil 1 Manuelle Medizin und Neuraltherapie. DZA 2: 83-6
  14. Stamer N (2018) Interdisziplinäres Biss- und Kieferrelationsmanagement. Teil 2 Zahnmedizin. DZA 2
  15. Boisserée W, Schupp W (2012) Kraniomandibuläres und Muskuloskelettales System. Quintessenz