Dr. med. Uwe Günter biologische Orthopädie – Stress-Medizin – individuelle Entzündungsdiagnostik und Neuraltherapie Privatpraxis Privat- und Kassenärztliche Praxis

Erschöpfungssyndrome, fatigue und Mitochondriopathie

Synonym

Sonderform:

Definition

Historie

Häufigkeit

Ätiologie und Risiko

Beim Müdigkeitssyndrom wird in der aktuellen Leitlinie die Ätiologie als unklar bzw. multifaktoriell angegeben.

Unter Beachtung der Prävalanzen bzw. Inzidenzen muss bei allen Formen der Erschöpfung chronisch-entzündliche und konsumierende bzw. Multisystemerkrankungen wie Karzinome, Autoimmunerkrankungen usw. als pathogenetischen Auslöser genauso sehen wie die Umweltfaktoren, unter denen hier nur Plastik, Nanopartikel, Feinstaub, Glyphosat, Konservierungs- und Farbstoffe sowie Schwermetalle als externe Faktoren bzw. diverse Polymorphismen zahlreicher Enzyme (z.B. COMT, GST, SOD, PDH) als interne Faktoren genannt werden [7].

Ein erhöhtes Risiko durch Triggerfaktoren stellt die so genannte silent inflammation dar.

Als Beispiel werden hier Implantate aus Titan u.a. Metallen bzw. Zahnfüllungen aus Schwermetallen wie Amalgam, Sipal u.a. Gold-Legierungen mit oralem Galvanismus, Pulpitiden, hypovitale, avitale bzw. wurzelresizierte Zähne mit Freisetzen von Kadaverinen wie Mercaptane und Thioether, Perikoronitiden, apicale Foci, Zysten bzw. Kiefer-Ostitiden und fettige Kiefer-Knochen-Degenerationen (mit der Sonderform: neuralgie-induzierende cavitätsbildende Osteolyse bzw. NICO) aufgezählt. [8,9]

Ebenso können der Mangel an Intrinsic Faktor aufgrund einer Magenerkrankung, veganer Ernährung, Drogen- und Nikotinabusus mit  B12-Mangel [7,8], der Mangel an natürlichem Licht bzw. Bewegung (cave: Schwerstbehinderung, Krankheit, Hospitalisierung usw.) mit u.a. D-Mangel [7], der Mangel an Vollwertkost („ungesunde Ernährung“) durch diverse Essstörungen, Abusus u.a. Gemütserkrankungen, bildungsfernem Lebensstandard, posttraumatische Belastungsstörungen (mit Defiziten an Vitamin A, B1-6, 9, 10 und 12, C, D, E, Omega-3-Fettsäuren, natürlichen Antioxidantien, Mineralen u.a. Spurenelementen) [7] ein zusätzliches Risiko darstellen.

Zahlreiche Biochemiker und Kliniker machten auf den Zusammenhang zwischen Nahrung, neurologischen Symptomen sowie individuelle Polymorphismen des Aminosäure-, Vitamin B6- und Stoffwechsels von Mineralen im Rahmen einer Homocysteinämie, Hämo-Kryptopyrrolurie (HPU/KPU) aufmerksam.

Immundefekte mit Mangel an Immunglobulinen, an Mannose-bindendem Lektin (MBL) u.a. sind ein entscheidender interner Risikofaktor des Immunsystems. [12,13,14] EBV [6,10,19] u.a. Viren bzw. intrazelluläre Mikroorganismen sind genauso wie eine chronische Borreliose und Ko-Infektionen [11] als Auslöser für sekundäre Immundefekte ein externer Risikofaktor.

Antikörper gegen Rezeptoren des VNS (z.B. ß-adrenerge Rezeptoren) sind nach Scheibenbogen und Kollegen als entscheidende Risikofaktoren für das als klinische Sonderform bzw. eigenständige Entität des chronic-fatigue-Syndroms (CFS) anzusehen. [12,13,14,19]

Nach Kuklinski spielt das instabile Kopfgelenk ohne bzw. nach Trauma eine Sonderrolle, da ein zu lang erhöhter Sympathikotonus v.a. der aufsteigenden Hals- und Hirngefäße mit Erschöpfung der Adrenalin und/oder Noradrenalin-Reserve (adrenal fatigue) und Upregulation der Glucocorticoid-Rezeptoren sowie latente bzw. nächtliche Hypoglykämie folgen können. [7]

Pathogenese

Dreh- und Angelpunkt ist der chronische oxidative und nitrosative Stress durch Reize, der zum Anstieg von Mediatoren wie CRF, ACTH, Histamin, Chemokinen wie RANTES und Interleukinen wie TNF, IL1 u.a. Zytokinen bzw. über Neurotransmitter wie Substanz P u.a. einer neurogene Entzündung führt.

Aufgrund der dauerhaften Reizung kommt es je nach Ko-Morbiditäten wie o.g. Ätiologie u.a. Triggerfaktoren sowie genetischer Variabilität zu einer Erschöpfung der Stress-Achsen.

Je nach Verlauf, genetischen Polymorphismen und Antikörperbildung gegen Rezeptoren kommt es zur Erschöpfung der Kortisol-, Adrenalin- und Thyroxinwirkung.

Es kann je nach Immundefekt o.a. Polymorphismen und aktivierter Entzündungskaskade zu einem sehr variablem Anstieg von Histamin, diversen Interleukinen, Malon-Di-Aldehyd und Nitrotyrosin (bzw. Peroxinitrit) bei obligatem Abfall von Faktoren des antioxidativen und -nitrosativen Systems (v.a. Glutathion) und schließlich Nichtansprechen der Rezeptoren des Immun- und vegetativen Nervensystem bzw. Sympathikus und der Stress-Achsen kommen. [8]

Unklar, jedoch zu beachten ist die Störung der Serotonin- und damit auch Melatonin-Synthese.

Eine entscheidende Folge spielt die mitochondriale Zytopathie mit der Unfähigkeit, ausreichend ATP bereitzustellen, wobei die verminderte Aktivität der Pyruvat-Dehydrogenase (PDH) bei möglichem Mangel an Coenzym A, B1, B2, Alpha-Liponat und Mg zu einem Pyruvat-Stau bzw. latenten Laktat-Acidose führt. [7] Bei zusätzlicher oder anhaltender Störung des anaeroben Abbaus zu Laktat in der Muskulatur oder Leber, einer Störung des Citrat-Zyklus bei möglichem Mangel an B1-3, Biotin, Alpha-Liponat, Mn, Mg und Fe sowie der gestörten Atmungskette bzw. der oxidativen Phosphorylierung bei möglichem Mangel an B2, B3, Q10, Cu, Fe, Se und Zn resultiert dieser ATP-Mangel. [7] Nach Kuklinski fallen auch parallele Störungen der Oxidation der Fettsäuren bei möglichem Mangel an B2, B3, Pantothensäure, Biotin, B12, Carnithin, Mg, Co, Mn und Fe zusätzlich beim CFS ins Gewicht. [7]

Zur Manifestierung der Acidose tragen eine Störung der Gluconeogenese (v.a. in den Hepatozyten) bei möglichem Mangel an Biotin und Mn, eine Störung der Ketonkörper bei möglichem Mangel an B3 und K,  eine Störung des Harnstoffzyklus bei möglichem Mangel an Mn sowie teilweise eine Störung der Porphyrin-Synthese bei. [7]

Schließlich kann es zur Manifestierung einer latenten Anämie, einer Hypercholesterinämie und Defizit an aktivem Cholecalciferol (25-OH-Vitamin D3) durch Störung der Häm-Synthese sowie Steroid-Synthese bei möglichem Mangel an B2, B3, B6, Mg und Fe kommen. [7]

Das gestörte Mikroiom mit einer Dysbiose der Nasen-, Mund-, Zahn und gastrointestinalen, ja auch vaginalen Flora muss wahrscheinlich als Risikofaktor, Auslöser und pathogenetisches Kettenglied gesehen werden. Immer mehr Studien bzw. Trials gehen von einem positivem Outcome bei prä- und probiotischen Therapie aus. Autolysate aus der physiologischen Darm-Flora werden bei dermatologischen Entzündungen eingesetzt. [17]

Symptomatik

  1. nicht erholsamer Schlaf oder verändertes Schlafmuster
  2. ungewöhnlich starke Erschöpfung nach Anstrengung
  3. neurokognitive Dysfunktionen (z.B. Konzentrations- bzw. Merkfähigkeitsstörungen oder Gedächtnisschwierigkeiten)
  4. Halsschmerzen und/oder empfindliche bzw. schmerzhafte Lymphknoten
  5. Gelenk-, Muskel- und/oder Kopfschmerzen eines neuen Typs oder Schweregrades

Klinik

Kriterien nach Fukuda

Hauptsymptome (alle)

  1. neu und akut aufgetretene, persistierende oder wiederkehrende chronische Erschöpfungssymptomatik
  2. substantielle Reduktion der Aktivität im Vergleich zur prämorbiden Zeit
  3. weder auf akute Belastung noch auf fassbare körperliche Erkrankung zurückzuführen

Nebensymptome (mind. 1)

  1. subjektive Beeinträchtigung von Konzentration bzw. Merkfähigkeit
  2. Druckempfindliche Lymphknoten
  3. Myalgien
  4. Arthralgien
  5. Kopfschmerzen
  6. unerholsamer Schlaf
  7. Erschöpfung nach Anstrengung > 24 Stunden anhaltend

Ausschlusskriterien

  1. persistierende oder vermutete somatische Erkrankung mit kausalem Bezug zur Symptomatik
  2. psychotische Störung
  3. bipolare Störung, wahnhafte Depression
  4. Demenz
  5. Anorexie oder Bulimie
  6. Abhängigkeitserkrankung
  7. Adipositas per magna (BMI > 45)

Diagnostik

Anamnese

Status

Labor

HRV

Differentialdiagnostik

Müdigkeit

Fatigue unklarer genese [5]

posturales orthostatisches Tachycardie-Syndrom (POTS)

Burnout

Depression

Multiple chemische Sensitivität (MCS)

Therapie

kausal

symptomatisch

Prognose

Literatur

  1. Groß R (2006) Fatigue bei Multipler Sklerose. Diss.
  2. Committee on the Diagnostic Criteria for Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome, Board on the Health of elect Populations, Institute of Medicine: Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness. National Academies Press (US), Washington (DC), 10. Februar 2015
  3. Heim ME, Weiss J (2015) Fatigue bei Krebserkrankungen. Schattauer
  4. De Vries U, Reif K, Petermann F (2012) Tumorbedingte Fatigue und ihre psychosozialen Belastungen. Der Schmerz 26: 85-93
  5. Knops M (2013) Charakterisierung des phänotypischen und funktionellen Immunstatus bei Patienten mit Chronischem Erschöpfungssyndrom. Diss
  6. Lahmann C, Dinkel A (2013) Erschöpfung und Chronisches Erschöpfungssyndrom: Relevanz für die Arbeitsmedizin. Umweltmed – Hygiene – Arbeitsmed 18(3): 1-18
  7. Kuklinski B (2016) Mitochondriopathie. Aurum
  8. Pall M (2009) Explaining „Unexplained Illnesses“. Informa Healthcare
  9. Lechner J, von Baehr V (2013) RANTES and fibroblast growth factor 2 in jawbone cavitations: triggers for systemic disease? Int J Gen Med 22/6:277-90
  10. Löbel M, Strohschein K, Giannini C, Kölsch U, Bauer S, Döbis C, Thomas S, Unterwalder N, von Baehr V, Reinke P, Knops M, Hanitsch LG, Meisel C, Volk HD, Scheibenbogen C (2014) Deficient EBV-specific B- and T-cell response in patients with chronic fatigue syndrome. PLoS One 15;9(1)
  11. Klinghardt D, Zappe A (2016) Die biologische Behandlung der Lyme-Borreliose. INK
  12. Günther S, Löbel M, Mooslechner AA, Knops M, Hanitsch LG, Grabowski P, Wittke K, Meisel C, Unterwalder N, Volk HD, Scheibenbogen C (2015) Frequent IgG subclass and mannose binding lectin deficiency in patients with chronic fatigue syndrome. Hum Immunol 76(10): 729-35
  13. Löbel M, Grabowski P, Heidecke H, Bauer S, Hanitsch LG, Wittke K, Meisel C, Reinke P, Volk HD, Fluge O, Mella O, Scheibenbogen C (2016) Antibodies to ß adrenergic and muscarinergic cholinergic receptors in patients with chronic fatigue syndrome. Brain Behav Immun 52:32-9
  14. Löbel M, Mooslechner AA, Bauer S, Günther S, Letsch A, Hanitsch LG, Grabowski P, Meisel C, Volk HD, Scheibenbogen C (2015) Polymorphism in COMT is associated with IgG3 subclass level and susceptibility to infection in patients with chronic fatigue syndrome. J Trans Med 14;13: 264
  15. Windthorst P, Mazurak N, Kuske M, Hipp A, Giel KE, Enck P, Nieß A, Zipfel S, Teufel M (2017) Heart rate variability biofeedback therapy and graded exercise training in management of chronic fatiguw syndrome: An exploratory pilot study. J Psychosom Res 93: 6-13
  16. Saha FJ, Wander R (2014) Das Störfeld als neuromodulativer Trigger auf allen Ebenen. Dt. Zeitschr. F. Akupunkt. 57: 6-9
  17. Moro G, Arslanoglu S, Stahl B, Jelinek J, Wahn U, Böhm G (2006) A mixture of prebiotic oligosaccharides reduces the incidence of atopic dermatitis during the first six months of age. Arch Dis Child 91(10): 814-9
  18. Barnes OB (1942) Basal Temperature versus basal Metabolism. JAMA 119(14): 1072-4
  19. Scheibenbogen C, Volk HD, Grabowski P, Wittke K, Giannini C, Hoffmeister B, Hanitsch L (2014) Chronisches Fatigue-Syndrom. Tägl. Prax. 55: 567-74