Dr. med. Uwe Günter biologische Orthopädie – Stress-Medizin – individuelle Entzündungsdiagnostik und Neuraltherapie Privatpraxis Privat- und Kassenärztliche Praxis

Procain – Historie, biochemische Grundlagen und Anwendung

zur historischen Entwicklung der Anwendung von Procain

Einleitend weise ich zunächst auf die Vorträge von Wander (siehe Fortbildung bei DGfAN) und Arbeiten von Hahn-Goddefroy hin. Anschließend versuche ich chronologisch darzustellen, wie sich parallel Ideen, Erfahren und Forschungen entwickelt haben bzw. sich aktuell beeinflussen.

biochemische Grundlagen und Pharmakologie

aus wikipedia.org

Das 1905 synthetisierte Ester Procain wurde aufgrund seiner chemischen Verwandschaft zunächst Novocain® („das neue Cocain“) genannt. Heuer existieren zahlreiche Generika von Novocain und andere Ester wie Chlorprocain und Tetracain, welche zwar potenter sind, jedoch nur zur Oberflächenanästhesie (Tetracain) bzw. in der Schweiz (Chlorprocain) Anwendung finden. Im Gegensatz zum Procain sind letztere nicht ausreichend untersucht. [11] Procain ist ein Ester aus einer aromatischen Säure (Para-Amino-Benzesäure bzw. PABA) und einem Alkohol (Di-Ethyl-Amino-Ethanol bzw. DEAE). Die Verwandschaft zur Folsäure und zum Cholin ist nicht zu übersehen. [16] Procain hat ein Molekulargewicht von 236, bei 25°C einen pk-Wert von 9,05 und einen schlechten Verteilungskoeffizienten. Es penetriert bzw. diffundiert schlecht bzw. nicht in Knochen sowie saures Gewebe, wird am Ort durch die ubiquitär vorkommende Pseudo-Cholin-Esterase (ein genetischer Bruder der Cholin-Esterase der Leber bei Chordatieren) nahezu vollständig abgebaut, so dass keine Plasmabindung nachweisbar ist. Es ist nicht myo- und neurotoxisch. Die Plasma-Clearance beträgt ca. 5,6 l/kg/h. Die max. Dosis wird mit 6-7,5mg/kg KG (entspricht bei 70kg KG ca. 500mg bzw. bei einer 1%igen Lösung 50ml!) angegeben. Es wirkt am Natrium-Ionen-Kanal ca. 30 min und wie alle Lokalanästhetika am G-Protein-gekoppelten Rezeptor bzw. GPCR antientzündlich und antithrombotisch deutlich länger. [32]

Im Gegensatz zu allen anderen LA wirken die o.g. Spaltprodukte PABA und DEAE (s.u.).

klinische Anwendungen und experimentelle Wirkungen

Am peripheren Nervensystem (PNS) wirkt es wie alle Ester und Amide anästhetisch (lähmend bzw. betäubend) durch die reversible Blockung des Natrium-Ionen-Kanals. [10] Je nach Dosis und Injektionsort werden zuerst myelinfreie bzw. schmalere Fasern erreicht.

So wirkt es am vegetativen Nervensystem (VNS) nicht nur „blockierend“ und damit para- und sympathikolytisch, sondern auch „alternativ“, d.h. über die Inhibition der G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (v.a. Gaq). [17,21]

Am zentralen Nervensystem (ZNS) wirkt es v.a. über das Spaltprodukt Diethylaminoethanol (DEAE) und fördert Lernprozess und Konzentration bzw. wirkt gegen Müdigkeit und Depression. [14]

An der Herzmuskulatur wirkt Procain wie alle LA zunächst negativ inotrop, chronotrop, dromotrop und bathmotrop, antiarrhythmisch, aber auch koronarperfusionssteigernd. [28]

An der Muskulatur und den Hohlorganen wirkt Procain durch direkte Wirkung am muskarinergen Rezeptor vom Typ M1 und M3 relaxierend und damit tonusregulierend bzw. spasmolytisch. [18,20]

An den Gefäßen treten verschiedenen Effekte auf. So wirkt es über die Sympathikolyse und GPCR relaxierend, über DEAE vasodilatativ [22,41] und über PABA kapillarabdichtend. [2,16] Dies wurde 1970 von Aldrete und Johnson als Allergie nach Setzen von Hautquaddeln fehlgedeutet und wird von zahlreichen Kollegen heute noch als Argument gegen die Anwendung von Procain benutzt. [16, www.neuraltherapie-blog.de)

In den endokrinen Organen bzw. Hormonsystem wurden regulierende Effekte (Hemmung der HMG-CoA-Reduktase) beschrieben. [44]

Am Immunsystem sind antihistaminische und antiinflammatorische Effekte durch die Hemmung der Sekretion von Interleukinen und dem „priming“ v.a. der Neutrophilen [16,17,19] und die der karzinogenen Methylierung durch Hemmung der DNA-Methylase [40] gefunden worden.

zusätzliche Wirkungen der Spaltprodukte

PABA wirkt zusätzlich antihistaminerg in Form der Membranstabilisierung. Es bindet Ceramid, ein bei Entzündungen aus dem Endothel entstehendes Sphingomyelin, welches Mitochondrien zerstört und für den Zelltot verantwortlich sein kann. [16]

DEAE passiert die Blut-Hirn-Schranke und hat einen lern- und konzentrationsfördernden bzw. antidepressiven Effekt. Es bindet langkettige ungesättigte Fettsäuren, welche durch Phospholipase 2 aus der Membran gelöst werden, und verhindert somit die Hemmung der Fettsäure-Amid-Hydrolasen (FAAH), was zur Erhöhung der Endocannabinoide (EC) im Gewebe führt und den Parasympathikus aktiviert. Im Stress entstehen nämlich durch (Nor)Adrenalin Vanilloide, welche die Endocannabinoid-Rezeptoren besetzen. Umgekehrt können durch Procain die ansteigenden EC die Vanilliod-Rezeptoren des Sympathikus besetzen und der neurogenen Entzündungen entgegenwirken. [6,16,38]

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